Eine Bestandsaufnahme

Die Chancen der Krise


Noch bis vor ein paar Wochen galt der Angriff durch einen Computervirus als eines der schlimmsten anzunehmenden Ereignisse, das ein Unternehmen ad hoc und weitestgehend unvorbereitet treffen könnte. Dass ein menschliches Virus unsere Wirtschaft und Gesellschaft weltweit vor noch viel gravierendere Probleme stellen könnte, hatten die wenigsten von uns im Sinn.

Nach der Finanzkrise 2009 erlebt der Globus nun eine zweite symmetrische, das heißt weltweite Krise. Selbst die Älteren unter uns können sich nicht daran erinnern, etwas Derartiges je erlebt zu haben. Diese Krise hat kein Vorbild. Und sie ist sehr teuer – aus rein menschlicher Perspektive aber natürlich auch – und das steht in einem Geschäftsbericht im Fokus – aus ökonomischer Perspektive: In Deutschland kostet der Stillstand des öffentlichen Lebens und großer Teile der Wirtschaft 
Umsatzvolumina in Höhe von 42 Mrd. Euro pro Woche (!), das entspricht fast dem Jahresumsatz in der NE-Metallindustrie. Die von Bund und Ländern getroffenen Hilfsmaßnahmen summieren sich auf ein Mehrfaches des gesamten Bundeshaushalts. Und auch wenn die Zahl der Neuinfektionen zurückgegangen ist, ist mit einem langen Weg zurück in die Normalität zu rechnen.

In Deutschland kam es nicht zu behördlichen Zwangsschließungen von Betrieben. Dennoch hat die Krise unmittelbare Auswirkungen auch auf unsere deutsche NE-Metallindustrie. 

Die Lage der NE-Metallindustrie

In Deutschland kam es anders als in Italien und Spanien nicht zu behördlichen Zwangsschließungen von Betrieben. Dennoch hat die Krise unmittelbare Auswirkungen auch auf unsere deutsche NE-Metallindustrie. Nach einer Mitgliederumfrage der WVMetalle erwarteten bereits zu Anfang der Krisen-Hochphase in Europa (Mitte März) zwei Drittel der Unternehmen 
Lieferengpässe
– eine Folge unserer eng verflochtenen Lieferkette mit China. Nur zwei Wochen später (Ende März) gaben in einer Umfrage des Gesamtverbands der Aluminiumindustrie (GDA) 80 Prozent der Aluminiumunternehmen an, dass Auftragseingänge und Abrufzahlen aus der Automobilindustrie stark rückläufig und teilweise vollständig zum Erliegen gekommen waren. Und wieder nur eine Woche darauf (Anfang April) meldeten 96 Prozent aller deutschen NE-Gießereien Auswirkungen 
auf deren Betriebsablauf. Ein Drittel aller Betriebe meldeten sogar einen Betriebsstillstand. Die gravierendsten Auswirkungen sind Liquiditätsengpässe, Absatzschwierigkeiten, Zulieferer- und 
Lieferantenausfälle sowie Ausfälle der eigenen Mitarbeiter. Besonders im Bereich Arbeitsschutz und Hygiene (Masken, Desinfektionsmittel) gibt es seitdem spürbare Engpässe. Und Mitte April gaben 90 Prozent der Aluminiumunternehmen in der dritten GDA-Befragung Auftragsmangel als maßgebliche Einschränkung für die Produktion an. Krankmeldungen von Arbeitnehmern und logistische Probleme rangierten mit 25  Prozent deutlich dahinter.

Trotzdem gibt es vereinzelte Lichtblicke. Die Auswirkungen fallen je nach Industriebereich unterschiedlich aus: Während Lieferungen in die Automobil- oder Luftfahrtindustrie ein deutliches Minus aufweisen, gibt es Zuwächse im Bau- und Verpackungssektor. Kunden füllen ihre Lager weit über das Normalmaß auf – in der Sorge, zukünftig keine Ware mehr zu bekommen. Hier kann die Produktion aus Deutschland Ausfälle in Italien, 
Frankreich und Spanien auffangen.

Während Lieferungen in die Automobil- oder Luftfahrtindustrie ein deutliches Minus aufweisen, gibt es Zuwächse im Bau- und Verpackungssektor. Kunden füllen ihre Lager weit über das Normalmaß auf – in der Sorge, zukünftig keine Ware mehr zu bekommen. Hier kann die Produktion aus Deutschland Ausfälle in Italien, Frankreich und Spanien auffangen.

Die Relevanz politischer Kommunikation

In einer solchen Krise ist die politische und kommunikative Arbeit der Verbände wichtiger denn je. Von einem Tag auf den anderen musste und konnte die WVMetalle ihren Betrieb auf mobiles Arbeiten umstellen. Auch außerhalb des gewohnten Arbeitsumfelds nimmt der Verband seine Aufgaben wahr, setzt sich für die Belange der NE-Branche ein und erläutert der Politik, was kurzfristig getan werden muss, um die NE-Metallindustrie in der Krise zu stabilisieren und die Produktion soweit wie möglich aufrecht zu erhalten. Schnelle und unbürokratische Liquiditätsbereitstellung über die KfW und den Wirtschaftsstabilisierungsfonds für große Unternehmen sind eine starke Stütze. Darüber hinaus gilt es aber, einige spezifische Herausforderungen für die NE-Metallindustrie zu betonen, die mit Liquidität 
allein nicht zu lösen sind. Zentrale Forderungen zur Sicherstellung der Lieferfähigkeit sind darüber hinaus der freie Warenverkehr, die Arbeitnehmerfreizügigkeit und die Anpassung von Fristen im Umwelt- und Energierecht. Gerade hier hat die WVMetalle einen maßgeblichen Beitrag für Erleichterungen und Fristverlängerungen geleistet.

Im Rahmen der Diskussionen über die Systemrelevanz bestimmter Bereiche der Wirtschaft hat die WVMetalle die wichtige Rolle der NE-Metallindustrie als Lieferant von Vorprodukten für den Gesundheitssektor, die Lebensmittelversorgung und die Energieversorgung in den Fokus gestellt. Für diese Wirtschaftszweige leisten die Mitgliedsunternehmen unverzichtbare Beiträge. Denn die NE-Branche ist integraler Bestandteil der Lieferketten. Um es nochmals etwas deutlicher zu formulieren: Ohne den Beitrag unserer Industrie brechen diese Lieferketten in absehbarer Zeit zusammen. Dabei ist die Metallerzeugung in Hütten und Recyclingwerken zur Funktionalität ebenso essenziell wie die Halbzeugwerke und die Fertigungsstätten der fertigen Produkte.    

Gemeinsam mit den Branchenverbänden GDA, GDB und BDG hat die WVMetalle binnen Tagen die Onlineplattform „Corona-Infodesk“ aufgebaut, um Mitgliedsunternehmen schnell mit dringend notwendigen Informationen zu versorgen. Auch Politik, Medien und Fachöffentlichkeit können sich dort über die Folgen des Virus für unsere Industrie informieren. Außerdem können wir mit dem neuen Infodesk gezielt darüber aufklären, ob und wie die Entscheidungen von Politik und Verwaltungen in unseren Unternehmen wirken.  

Die Industrie findet sich in dieser Krise wie schon in der Finanzkrise 2009 in der Rolle der Stabilisatorin für die Gesellschaft wieder.

Und wie geht es nun weiter? Was können wir von der nahen Zukunft erwarten? Der Weg aus der Krise in eine „neue“ Normalität erweist sich als schwerer und länger als zunächst angenommen. Das Wiederanfahren der Produktion kostet erst einmal Geld, zum Beispiel für den Einkauf von Vorprodukten. Anders als in Italien oder Spanien wurden zum Glück keine Produktionsanlagen flächendeckend stillgelegt. Die Erfahrungen mit der Finanzkrise 2009 haben gezeigt, dass sich Erholungseffekte schnell 
und nachhaltig einstellen können. Die in der Krise überlebenswichtige Kreativität, Flexibilität und Innovationsfreude unserer Industrie werden dazu ihren Beitrag leisten.

Die Industrie findet sich in dieser Krise wie schon in der Finanzkrise 2009 in der Rolle der Stabilisatorin für die Gesellschaft insgesamt wieder – und vielleicht auch als Gestalterin von Lösungswegen aus dieser Krise. Die zahlreichen spontanen Hilfsaktionen von Unternehmen bei der Bekämpfung des Coronavirus werden bei Bevölkerung und Politik hoffentlich im Gedächtnis bleiben. Auch unsere Branche hat mit Mundschutzmasken, Desinfektionsmitteln und weiteren Hygieneartikel-Spenden ihren Beitrag geleistet. Eine Lehre für die Politik?

Die Rolle des Klimaschutzes wird weiterhin wichtig bleiben. Und es ist auch richtig, staatliche Konjunkturprogramme an den Zielen des Klimaschutzes zu messen.

Elementare Bausteine zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit

Schon heute bewirkt die Pandemie global eine Ausbalancierung des politischen Zielradars. In Deutschland müssen wir noch besser 
erklären, dass Krisenzeiten keine langfristig orientierten Investitionen ermöglichen, sondern es oft um das reine Überleben der Unternehmen geht. Die Rolle des Klimaschutzes wird weiterhin wichtig bleiben. Und es ist auch richtig, staatliche Konjunkturprogramme an den Zielen des Klimaschutzes zu messen. Der Klimaschutz darf bei den Hilfen aber nicht das dominante Ziel sein. Einige politische Entscheidungsträger scheinen noch keinen realen Blick auf die akuten Sorgen und Nöte der Unternehmen 
in der Krise zu haben. Wer deutlich weniger oder gar keine Umsätze mehr macht, ist nicht in der Lage, die gewährten Mittel für Investitionen in Energieeffizienz und neue, klimaschonende Produktionsverfahren einzusetzen. Dafür braucht es eigene Programme. Das Geld der Krisenhilfe kann und muss dazu dienen, die Produktion wieder hochzufahren und die Insolvenz zu vermeiden.

Die WVMetalle zeigt die Bedeutung der Industrie gerade in der Krise. Die Defizite der industriellen Wertschöpfung sind mit Händen greifbar. Ein Kontinent wie Europa ist nicht in der Lage, sich ausreichend mit Schutzmasken und Hygienematerial zu versorgen, weil die Produktion der dafür notwendigen Grundstoffe in Asien erfolgt. Nicht auszudenken, wenn wir in der Krise nicht in der Lage gewesen wären, Lebensmittel- und Pharmaverpackungen herzustellen. Wieder einmal zeigt sich, wie wichtig es ist, die gesamte industrielle Wertschöpfungskette in Europa zu erhalten und zu stärken. Grundstoff- und NE-Metallerzeugung sind mit Risiken 
und mit Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit verbunden. Daher ist es richtig, diese Risiken zu minimieren. Die Krise zeigt, wie elementar es ist, alle politischen Instrumente daraufhin zu prüfen, welche Folgen sie für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der industriellen Wertschöpfung in Europa haben. In der politischen Debatte könnten daher Fragen zum Klimaschutz, zu Handelshemmnissen oder Handelsrestriktionen sowie Risiken durch Rohstoffengpässe und unlauteren Wettbewerb oder durch mögliche weitere Pandemien ein neues Gewicht bekommen. Dies ist die Chance in der Krise. 

Veröffentlicht im Mai 2020